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Anonymous schreibt "
Unser gewohntes Bild von Bildung und Lernen ist in Bewegung. Fast täglich wird die Notwendigkeit des lebenslanges Lernens unterstrichen. Klar ist aber auch, dass wir nicht zu Dauerbesuchern von Seminaren und Konferenzen werden können. Neue Lernformen sind gefragt, die wir selbst steuern können und die schnell, flexibel und problemorientiert Antworten liefern. Dabei geraten informelle Lernprozesse wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Diskussion.
Hintergrund Es herrscht heute weitestgehend Einigkeit darüber, dass die traditionellen Bildungsinstitutionen wie Schulen, Hochschulen, aber auch die betriebliche Weiterbildung, allein nicht in der Lage sind, den zukünftigen Anforderungen an Weiterbildung gerecht zu werden. Zu schnell entstehen neue Anforderungen, zu langsam reagieren Bildungsinstitutionen, zu kostspielig der dahinter stehende Apparat. Hinzu kommt, dass diese Institutionen zwar auf das lebenslange Lernen vorbereiten können. Doch die Umsetzung, und auch hier besteht Konsens, ist Aufgabe des Einzelnen, dem zukünftig eine viel größere Verantwortung für die eigene Beschäftigungsfähigkeit ("employability") zukommt.
Im Zusammenhang des lebenslangen Lernens fällt informellen Lernprozessen eine wichtige Rolle zu. Günther Dohmen, Professor für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung an der Universität Tübingen und wissenschaftlicher Berater des BMBF, spricht sogar im Untertitel einer vom BMBF herausgegebenen Untersuchung von "einer bisher vernachlässigten Grundform menschlichen Lernens für das lebenslange Lernen aller." Den Begriff des informellen Lernens bezieht er auf alles Selbstlernen, "das sich in mittelbaren Lebens- und Erfahrungszusammenhängen außerhalb des formalen Bildungswesens entwickelt." (DOHMEN 2001) Informelles Lernen bewegt sich auf einem Kontinuum, schließt bewusstes wie unbewusstes Lernen, Erfahrungslernen wie Lernen im sozialen Umfeld ein.
Stellenwert des informellen Lernens Nach übereinstimmenden Expertenschätzungen finden nur etwa 30 % des Lernens in klassischen Bildungsinstitutionen statt. Jay Cross, Berater vieler amerikanischer Großunternehmen, spricht beim informellen Lernen sogar von den "other 80%" (CROSS 2003). Diese Einschätzung wird auch von den Lernern selbst geteilt. In einer EU-weiten Untersuchung des European Centre for the Development of Vocational Training (Cedefop) sagten nur 17 % der Befragten, dass sie in Einrichtungen wie Schule, College oder Universität in den letzten 12 Monaten etwas gelernt hätten. Und nur 18 % erwähnten Trainingskurse am Arbeitsplatz bzw. im Unternehmen. Die am häufigsten genannten Lernkontexte waren "Being at home" (69 %), "Getting together with other people" (63 %) und "Leisure activities" (51 %) (CEDEFOP 2003). In einer repräsentativen Befragung in Deutschland wurde ebenfalls die Bedeutung informeller Lernprozesse unterstrichen: 87 % der Interviewten gaben an, in informellen Lernkontexten am meisten gelernt zu haben. Dazu gehörte das arbeitsbegleitende Lernen, das Lernen im privaten und gesellschaftlichen Umfeld sowie das Lernen mit traditionellen und neuen Medien (SCHIERSMANN/ STRAUSS 2003).
Informelles Lernen am Arbeitsplatz Die meisten Unternehmen sind heute noch unentschlossen, wenn es um die Einschätzung und Unterstützung informeller Lernprozesse geht. Viele Großunternehmen führen derzeit Learning Management Systeme ein, um betriebliche Lernprozesse möglichst umfassend zu administrieren, zu verfolgen und zu evaluieren. Angestrebt wird ein Bildungscontrolling, das Transparenz in die Weiterbildung bringt und im Idealfall auch über Erfolg und Nachhaltigkeit ihrer Prozesse Aussagen erlaubt. Informelles Lernen passt häufig (noch) nicht in dieses Bild von Weiterbildung.
Auf der anderen Seite werden derzeit verschiedene Formen des arbeitsintegrierten Lernens diskutiert. Lernformen wie Coaching, Mentoring und Qualitätszirkel haben Konjunktur. Von technischer Seite stehen zudem neue Möglichkeiten der netzgestützten Zusammenarbeit und Kommunikation zur Verfügung. Immer häufiger beteiligen sich Mitarbeiter an Online-Communities, um Antworten auf aktuelle Probleme zu bekommen und Erfahrungen mit anderen auszutauschen. Vor allem Unternehmen der Elektro- und IT-Branche wie z.B. Siemens und Hewlett Packard unterstützen deshalb Mitarbeiter bereits seit einigen Jahren, sich aktiv an entsprechenden Commmunities zu beteiligen. Aber auch für viele kleine und mittlere Unternehmen stellen sich Online-Communities als preisgünstige e-Learning-Variante dar. So haben sich unternehmensübergreifend inzwischen eine Reihe von Online-Communities gebildet, die von ihren Teilnehmern als hoch effektives, selbstgesteuertes "Just-in-Time"-Learning genutzt werden (ZINKE/ FOGOLIN 2003).
Informell lernen, aber erworbene Kompetenzen anerkennen lassen Bleibt die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass informell erworbenes Wissen nicht nur ein privater Erfahrungsschatz bleibt, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt anerkannt wird. In traditionellen Bildungsinstitutionen schließen Lernprozesse in der Regel mit einem Zeugnis, einem Zertifikat und einer anerkannten Qualifikation ab. Für informelle Lernprozesse gibt es vor allem in Deutschland noch nichts Vergleichbares: Es gibt verstreute, häufig projektbezogene Versuche, Bildungspässe zu etablieren; es gibt das Projekt Familienkompetenzen, dessen Ziel es ist, die sozialen und personalen Kompetenzen zu erfassen, die berufstätige Mütter und Väter im Rahmen der Familienarbeit erwerben; und es gibt die aus der betrieblichen Praxis bekannten Arbeitszeugnisse und Beurteilungsverfahren. Weiter sind da einzelne europäische Länder wie z.B. Frankreich ("Bilan de compétences"), die Schweiz ("Schweizerisches Qualifikationshandbuch") und Norwegen ("Realkompetanse Project"), die bereits seit einigen Jahren versuchen, informell erworbene Fähigkeiten in persönlichen Kompetenzbilanzen zu dokumentieren (FRANK 2003).
Kritik Die Kritik am Umgang mit informellen Lernprozessen richtet sich vor allem gegen das Konzept des lebenslangen Lernens selbst. So warnt Karlheinz Geißler, Wirtschaftspädagoge an der Universität der Bundeswehr in München, vor der Zukunft einer "allzeit lernenden Gesellschaft" und einem "Bildung total". Noch nie zuvor in der Geschichte, so Geißler, gab es so viele Möglichkeiten zum Lernen. Gleichzeitig war der Druck, jederzeit lernen zu müssen, noch nie so groß. "So wird das Lernen ein zentraler Teil unserer Beschleunigungsgesellschaft, in der die Individuen ruhelos ihrer eigenen, immer schneller verfallenden Brauchbarkeit hinterher rennen (müssen)." (GEISSLER 2003) Andere Kritiker fragen, ob wir in Zukunft nur noch lernen, was "brauchbar" ist. Und ob nicht die Gefahr besteht, dass mit den informellen Lernprozessen auch die "natürlichen" Lebenssituationen, in denen sie häufig stattfinden, mit "pädagogisiert" werden.
Fazit Die Diskussion um ein besseres Verständnis des informellen Lernens und seiner Potenziale für das lebenslange Lernen ist in vollem Gange. Viele Fragen darüber, was informelles Lernen genau ist, sind noch offen. Deshalb richtet sich die aktuelle Diskussion vor allem an Pädagogen und Weiterbildner. Dabei zeichnet sich allerdings heute bereits ab, dass das informelle Lernen eine Reihe von vielversprechenden Ansatzpunkten für konstruktivistische Lernkonzepte bietet, die auf selbstgesteuerte und erfahrungsgeleitete Lernprozesse bauen.
Dr. Jochen Robes www.weiterbildungsblog.de
Literatur
* Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): Nutzung von Online-Communities für arbeitsplatznahes, informelles Lernen * CEDEFOP: Lifelong learning: citizens’ views. Luxembourg 2003. * Cross, Jay: Informal Learning – the other 80%. Internet Time Group 2003 www.internettime.com/Learning/The%20Other%2080%25.htm * Dohmen, Günther: Das informelle Lernen. Bonn 2001 (Hrsg. vom BMBF) www.bmbf.de/pub/das_informelle_lernen.pdf * Frank, Irmgard: Erfassung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen – Entwicklung und Perspektiven in Deutschland und in ausgewählten europäischen Ländern. In: Wolfgang Wittwer/ Steffen Kirchhof (Hrsg.): Informelles Lernen und Weiterbildung. München 2003, 168-209. * Geissler, Karlheinz: Alle lernen alles – die Kolonisierung der Lebenswelt durchs Lernen. In: Wolfgang Wittwer/ Steffen Kirchhof (Hrsg.): Informelles Lernen und Weiterbildung. München 2003, 127-141. * infed (the informal education homepage) www.infed.org * managerSeminare online: Praxisleitfaden für das informelle Lernen. www.managerseminare.de/msemi/1725425/frontend/knowhow_detail.html * Schiersmann, Christiane/ Hans Christoph Strauß: Informelles Lernen – der Königsweg zum lebenslangen Lernen? In: Wolfgang Wittwer/ Steffen Kirchhof (Hrsg.): Informelles Lernen und Weiterbildung. München 2003, 145-167. * Zinke, Gert/ Angela Fogolin (Hrsg.): Online-Communities – Chancen für informelles Lernen in der Arbeit. Bielefeld 2003
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